Herzlos Babylon

Die Jungs aus Eulenbis sind ja bekannt dafür, sich vom üblichen Deutschrock Standart abzusetzen und das gelingt ihnen auch mit dem sechsten Studioalbum außerordentlich gut. „Herzlos“ haben seit „Zweifler & Gewinner“ aus dem Jahre 2016 Drei Alben geschaffen, die sich vom Sound allesamt immer wieder neu erfunden und trotzdem nicht ihre Basis verloren haben. Hier darf man wirklich das verwässerte Wörtchen „Weiterentwicklung“ benutzen, denn wenn Bands i.d.R. von einer Weiterentwicklung sprechen, bedeutet das frei übersetzt, meistens nichts anderes, als weichgewaschen und eine Anbiederung an den Mainstream. Nicht mit „Herzlos!“ Die Fünf wollen auf garkeinen Fall dazu gehören und sind sich ihrer Linie auch weiterhin treu geblieben. Auffallend hingegen ist das aktuelle Rotieren oder Spielchen Wechsel dich innerhalb der Band. So haben die Herzlosen mit Leon einen neuen Gitarristen am Start, während Oliver Kripp seinige abgibt und an den kürzlich erst unbesetzten E-Bass wechselt. An dieses Bühnenbild muss man sich auch erstmal gewöhnen, doch ist es vermutlich auch der neue Mann an der 6-Saitigen, der nicht nur optisch eher aus dem Heavy Metal Sektor kommt und „Babylon“ einen gewissen, härteren Stempel aufdrückt.

„Diese Welt braucht nicht noch einen Partysong, herzlich Willkommen bei uns in Babylon“ – so beginnt der Titeltrack und Opener, in welchem „Herzlos“ mit der aktuellen Gesellschaft und dem System abrechnen. Die Gitarrenarbeit von Andrew und Leon harmoniert dabei ganz ausgezeichnet und die Drums werden teilweise zur Schießbude. Qualitativ war der Wechsel an den Klanfen definitiv die richtige Entscheidung. „Treibstofff Deiner Träume“ legt schön wuchtig und mit starken Solis nach. Selbst der merkwürdige Trend der „Influencer“ bekommt in Form von Song Nr. 3 sein Fett weg und „Beiß mich“ wildert wieder etwas in ältere Gewänder der Band. Nach „Platin“ vom letzten Album, kommt mit „Radiotauglich“ ein weiterer Seitenhieb in Richtung der Deutschrock Kollegen daher, die sich dem Mainstream verkauft haben. Interessant ist die Message innerhalb des Songs. Diese spiegelt genau das wieder, was ich schon seit Ewigkeiten predige. Ja endlich Radiotauglich, die Kassen klingeln, Chartplatzierungen Ole und die eigenen Fans setzen ihr Radio in Brand. Damit ist eigentlich alles gesagt. Hut ab. Schließlich haut „Antiserum“ noch einmal ordentlich in die Kerbe der verkommenen Gesellschaft. „Herzlos“ legen einfach überall den Finger in die Wunde – musikalisch versiert und schmerzlos, dafür aber auch Herzlos 😉
Ist das jetzt eigentlich „Deutsch Metal?“ „Die Nacht ist mein Grabstein“ wummert nämlich einfach so derbe Genrefremd, das man spätestens an dieser Stelle uneingeschränkt behaupten kann, das „Herzlos“ im Metal Sektor angekommen sind. Fettes Teil! Doch der krasse Gegensatz dazu folgt promt. Die nette Ballade „Auf Dich und Dein Leben“ erdet für ca. 4 Minuten und verkörpert schließlich nichts als die Ruhe vor dem Sturm, denn mit „Seuche oder Segen“ geht es gleich wieder in die Vollen. Ein typischer „Herzlos“ Song! „Taub, Stumm, Blind“ schlägt ein weiteres mal in die Gesellschaftskritische Schiene. Die totale Verblödung durch Mainstream, Medien, Social Media und alles wird ohne selbst zu denken einfach hingenommen. Hier fehlt lediglich noch das Wörtchen „Dumm“ im Song Titel. Der Rausschmeißer verkörpert endlich den obligatorischen Ohrwurm Song, den man seit 5 Jahren auf jedem Album bekommt. Nach „Atme den Wahnsinn ein“ (Zweifler & Gewinner), „Aus anderem Holz“ (Schwarz, Weiß, Neon) folgt „Viel länger tot.“ Zwar reicht der Song nicht an seine Vorgänger heran, verkörpert aber wohl am deutlichsten einen wiederkehrenden Trend.

Unterm Strich ist „Babylon“ ein weiterer Meilenstern im „Herzlos“ Universum. Die Band hat sich nach Punkrock von der Stange zu einer der wenigen echten Deutschrock Bands gemausert, scheint aber nicht nur auf dieser Schiene bleiben zu wollen. Bereits das letzte Album brach aus dem Genre ordentlich aus und das aktuelle Album setzt nochmal gewaltig einen Drauf. Eulenbis ist im Metal angekommen. Wohin die Reise zukünftig noch gehen mag? Eins ist jedenfalls sicher. Bei einer weiter anhaltenden kontinuierlichen Qualitätssteigerung, kann man von den Jungs noch einiges erwarten.

Über Bob Rock 341 Artikel
Guter Heavy Metal ist so rau und durcheinander, dass er dich geradewegs an den Rand des Wahnsinns bringt.