In Extremo – Kompass zur Sonne

Ich muss gestehen, das ich „In Extremo“ schon immer für extrem überbewertet gehalten habe. Sicherlich, sie hatten ihre Hits, aber die einzelnen Studioalben haben mich im Ganzen nie wirklich überzeugt. Geändert hatte sich das erst mit dem 2016 erschienenden „Quit pro Quo.“ Zum ersten mal schien die Band auf das zu setzen, was in allen vorherigen Werken immer nur kurz aufblitzte. Mit Hits wie „Feuertaufe“, „Liam“, „Vollmond“ und co. wurden sie berühmt, doch waren jene Songs m.M.n. in der Regel fast das einzige Highlight auf jedem Silberling. Der Rest tummelte sich im Durchschnitt ohne herauszustechen. „Quit pro Quo“ war hingegen frisch anders. Es folgte Hit auf Hit, Ohrwurm auf Ohrwurm. Eine gewisse Reife, sowie Perfektion und wahrscheinlich auch eine ganz ganz seichte Anlehnung an den Mainstream, trugen zum geringfügigen Stilwechsel bei. Dies sei aber in diesem Fall extrem positiv vermerkt, denn „In Ex“ setzen auf Gassenhauer und Stadionhymnen im mittelalterlichen Rock/Metal Gewand, ohne ihren Sound zu vernachlässigen. Weichgewaschen? Fehlanzeige. Eher legen die Berliner noch einen drauf und legen einen gekonnten Spagat zwischen den Genres hin, ohne auch nur einmal ihren eigenen Sound zu vernachlässigen, der sie einst so bekannt gemacht hat. SO darf man das gerne machen. SO darf man von einer Weiterentwicklung sprechen, die dann auch außerordentlich positiv ausfällt.

Beginnend mit dem Opener „Troja“ oder dem späteren, noch fetziger klingenden „Lügenpack“, haben „In Ex“ schon gewaltig zum dranbleiben animiert. Der Titeltrack mit epischen Dudelsack Solo im Intro, entfacht eine epische, dudelnde Metalhymne nach Maß. Spätestens hier sind die Berliner wieder at his best. Im Anschluss überraschen sie mit einem Russkaja Stück, das so absurd, wie spaßig zugleich ist. „Gogiya“ wartet zudem mit dem Gastsänger Georgji Makazaria auf. Natürlich darf auch ein lateinischer Song nicht fehlen, auch wenn man diesen Stil, glücklicherweise auf den moderneren Alben immer weiter zurückgefahren hat. „Salva Nos“ geht in etwas moderner Art und Weise, zu den Ursprüngen von „In Extremo“ zurück. Natürlich ist alles eine ganze Spur lauter, wuchtiger und vorallem besser. Mit „Schenk nochmal ein“ begibt man sich offenbar zu einem Gegenpart, von „Quit pro Quo’s“ „Sternhagelvoll.“ Diesmal Balladesk und bewusst zum Erden eingestreut, kommt mit dem „Biersegen“, noch ein weiteres, audiovisuelles Besäufnis daher – ebenfalls in Latein, dafür fetzig und mit ordentlich Sackpfeifeneinsatz. Eine weitere Hymne stellt das „Narrenschiff“ dar, die ebenfalls locker zum späteren „In Ex“ Klassiker werden könnte. Gleiches gilt vorallem für den stärksten Song des Albums. „Reiht euch ein ihr Lumpen“ kann direkt zweifelslos zu den Klassikern gezählt werden und komplettiert die Sauf-Trilogie auf „Kompass zur Sonne.“ In „Wer kann segeln ohne Wind“ hat man sich sogar Johan Hegg von „Amon Amarth“ zur Unterstützung geholt, aber ob die Death Growls so eine gute Idee waren, muss jeder selbst entscheiden. Der Song geht ansich aber in Ordnung. Letztendlich sind die „7 Brüder“ eine enorm riffbetonte Nummer, im ähnlichen Stile wie „Troja.“
Gibt es also überhaupt etwas schlechtes? Eigentlich kaum. Befremdlich wirkt „Saigon und Bagdad“, der textlich, wie Soundmäßig einwenig ausbricht, aber weder in seiner herkömmlichen Version, sowie dem beigefügten Club Mix als Bonus Track sonderlich hängen bleiben dürfte. Ähnlich ergeht es der lediglich von Laute und Harve begleiteten Ballade „Wintermärchen“, die mir ebenfalls nicht wirklich zusagt, doch das kann getrost vernachlässigt bleiben.

Unterm Strich ist das neue Album „Kompass zum Mond“ wieder ein gelunger Mix, der mich, wie schon der Vorgänger „Quit pro Quo“ zu überzeugen weiß. Was lange währt, wird endlich auch in der Breite gut. Mittlerweile werde ich mit den Studioalben doch noch warm, wenn „In Extremo“ das Niveau weiterhin so halten können.

 
Bob Rock
Über Bob Rock 287 Artikel
Guter Heavy Metal ist so rau und durcheinander, dass er dich geradewegs an den Rand des Wahnsinns bringt.