Axel Rudi Pell – Sign of the Times

Wohl kaum ein Jemand ist so konstant im Hardrock Geschäft, wie Axel Rudi Pell. Der mittlerweile 60 Jahre alte Ausnahme Gitarrist hat in nun mehr 40 Jahren eine derart ausgewogene und qualitativ hochwertige Discographie hingelegt, wie kaum ein Zweiter. Gemeinsam legt das Amerikanisch/Deutsche Traum Gespann auch im Jahr 2020 wieder eine furiose Scheibe hin. Bei dieser Besetzung auch kein Wunder. Neben Axel himself spielt Bassist Volker Krawaczak (beide Ex Steeler) seit Beginn an in der Band. Dazu gesellen sich Keyboarder Ferdy Doernberg, Sänger Johnny Gioeli (Hardline) und Drummer Bobby Rondinelli (Ex Black Sabbath und Rainbow). Fünf Musiker, die ihre Instrumente mit Herzblut beherrschen und beachtenerweise fast alle noch in eigenen Kapellen unterwegs sind, treffen lediglich 2-3 mal im Jahr aufeinander, um mit „Axel Rudi Pell“ ein neues Album einzuspielen, zu proben und zu Touren. Die Ergebnisse sind immer wieder beeindruckend, wenn man dabei bedenkt, das die Jungs nie über Vollzeit gemeinsam zusammen im Studio sitzen und dennoch eine vollends eingespielte Band darstellen. Man bedenke auch dabei, das die beiden Amerikaner jedesmal eingeflogen werden müssen, was die Umstände und Kosten zusätzlich vergrößert, aber keineswegs an der Qualität nagen lässt.

Das mittlerweile 19.te Studioalbum „Sign of the Times“ stellt für mich persönlich sogar das beste Werk der letzten 10 Jahre dar. Der Vorgänger „Knights Call“ war schon nicht schlecht, hatte aber hier und da einige zu experimentelle Stellen im Petto, die mich nicht so ganz überzeugt haben. Glücklicherweise hat Axel davon wieder Abstand genommen und präsentiert 10 neue, kraftvolle, elegante und feinsinne Melodien (inklusive Intro), die es insich haben. Der furiose und Pell-typische Opener „Gunfire“ legt gewohnt fetzig los. Dominantes Riffing und der Chorus ein wahrer Hörgenuss, an dem Johnny Gioeli – einer der besten Rock Sänger überhaupt, nicht minder einen großen Anteil hat. Soli-technisch passt hier auch wieder alles, denn was der Bochumer Saitenhexer immer abliefert, ist ohnehin nicht von dieser Welt. Sehr interessant und stimmig ist der Song „Bad Reputation“, welcher zwar einwenig aus der Reihe tanzt und mehr nach einem typischen „Hardline“ Song aus Johnny’s Band klingt, doch mit Axel’s Gitarrenspiel ausgewogen wohl dosiert wird. Der Titeltrack ist passenderweise auch wieder der Längste und scheint das lautere „Ocean’s of Time“ zu sein. Kräftig und dennoch melodisch über 7 Minuten. Mit „The End of the Line“ kommt gleich der nächste schwungvolle Ohrwurm daher und die Pellsche Ballade – in diesem Fall „As Blind as a Fool Can Be“ ist selbstverständlich auch wieder mit an Bord. Diese ist jedoch ausnahmsweise mal nicht so gut gelungen, außerdem orgelt es zu sehr. „Wings of the Storm“ stellt wohl die Fortsetzung zum Titeltrack „Sign of the Times“ dar. Im Chorus, melodisch sehr identisch, dafür im Gesamtbild ein eher düsterer und riffgeladener Song. „Waiting for your Call“ ist dafür klangvoller, spielt aber auch wieder mehr in „Hardline“ Gefilden, als im Pellsche Universum. Das ist aber völlig ok, schließlich ist der „Hardline“ Chef auch in der Band. Das sich musikalisch mal was überschneidet, war zwar bei ARP bisher noch nie der Fall, ist aber im Grunde dennoch eine logische Konsequenz. Bei „Living in a Dream“ wird es zu Beginn etwas irritierend Reggae-lastig, bevor sich der Song nach 1 1/2 Minuten vom Tempo her steigert, dennoch bleibt dieser einer der schwächeren Momente auf „Sign of the Times.“ Beim Rausschmeißer „Into the Fire“ überrascht „Axel Rudi Pell“ ebenfalls mit ganz neuen Tönen. Derartige Riffs hat man in 40 Jahren noch nie von ihm gehört, machen aber auch diesen Song zu einem gelungenen Werk.

Unterm Strich ist wieder fast alles gelungen. Lediglich 2 Songs sind etwas schwächer ausgefallen, dafür hauen andere mächtig rein. Zwar kann der Majestro das Experimentieren auch auf dieser Scheibe nicht ganz lassen, doch schweift er hier weitaus weniger ab, als wie er es auf „Knights Call“ noch der Fall war. Die orientalischen Einflüsse waren dort einfach fehl am Platz. Ein bisschen klassischer Pell Stoff, ein bisschen „Hardline“ Einfluss und geringfügige Ausflüge in andere Gefilden, die überwiegend positiv ausgefallen sind, machen auch das neue Album zu einem gelungenen Longplayer. Die nächsten 19 Studioalben können kommen!

 

 
Bob Rock
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Guter Heavy Metal ist so rau und durcheinander, dass er dich geradewegs an den Rand des Wahnsinns bringt.