Böhse Onkelz – Böhse Onkelz 2020

Nach ihrem eher mäßigen Comeback Album „Memento“ (2016), das eher wenig „Onkelz“ bot und viel mehr Exerimentel ausgefallen war, durfte man sich schon zurecht die Frage stellen, ob es die Band nach all den Jahren überhaupt noch drauf hat und gewillt ist, an alte Erfolge anzuknüpfen. Ich denke, sie können noch sehr wohl, aber wollen sie überhaupt noch die gleiche Musik von früher spielen? Hier denke ich eher nein. Als Grund für diese These, sehe ich folgenden Faktoren als ausschlaggebend an:

1. Als die „Onkelz“ 2005 von der Bühne gingen, waren sie die einzigen ihrer Art.

2. Mit dem Ende der „Onkelz“ keimten zahlreiche Nachahmer auf, die heute eine ganze Szene decken, genannt „Deutschrock.“

3. „Frei.wild“ waren kurzzeitig der bekannteste Lückenfüller, jedoch sind diese, wie auch einige andere bekannte Vertreter, schon längst im Mainstreamsumpf angekommen und spielen schon lange keinen echten Deutschrock mehr.

4. Der Stil der „Onkelz“ wurde permanent zig mal kopiert und prägt heute komplett die daraus entstandene Deutschrock Szene. Schließlich sind so ziemlich alle Bands in dieser Sparte, natürlich auch selbstredend, „Onkelz“ Fans.

5. Eine Wiederkehr im üblichen Stil, würde zwar die komplette KlonKolone lediglich verbessern, aber wohl kaum noch etwas neues bieten. Die üblichen Phrasen wurden bereits alle besungen und das damalige Alleinstellungsmerkmal wäre und ist zwar immer noch hoch, aber in der mittlerweile entstandenen Masse eher gering.

Aus diesen von mir 5 genannten Gründen, erschließt sich meiner Meinung nach das hier dargebotene und selbstbetitelte Album „Böhse Onkelz.“ Es ist nicht nur ein Album zum 40jährigen Band Jubiläum und hat alleine deswegen schon die Pflicht etwas zu bieten, nein es ist auch ein Umbruch der Band auf neuen Wegen, denn die aus ihrem damaligen Weggang entstandene Szene ist vollkommen übersättigt mit herkömmlichen „Onkelz“ Flair. Wenn die Frankfurter Jungs also wieder das sein wollen, was sie einmal waren, muss vorallem das einstige Alleinstellungsmerkmal wieder hergestellt werden. Mit dem üblichen Liederzirkus erreicht man jenes, selbstredend nicht mehr. Die „Onkelz“ sind vorallem Opfer ihrer eigenen Schaffenskraft geworden, das ist Fakt, doch was eine gute Band ebenfalls auszeichnet, ist meiner Ansicht nach, auch mal versiert aus seinem eigenen bekannten Einheits-Tonal auszubrechen und dabei mindestens genauso überzeugend zu sein. Ich spreche hier eindeutig nicht von irgendeinem überflüssigen Experiment, sondern von einer ganz bewussten Neuausrichtung und wenn sich Weidner und Co. schließlich protzend, arrogant dahin stellen und einen Allround Kick Ass an all ihre Klone richten, das jene Kapellen nur nerven, dann müssen sie auch vorallem und erstrecht etwas Handfestes abliefern.

„Böhse Onkelz 2020“ funktioniert daher nicht auf Anhieb, denn auch ich musste mich erstmal dieser Faktoren bewusst werden und das Album 3 – 4 mal durchhören. Erst danach erschloss sich mir nach und nach, welche Klasse der neue Silberling eigentlich besitzt. Die „Onkelz“ sind gereift, das merkt man an allen Ecken und Kanten. Die üblichen Lieder wie Orkane sind Vergangenheit. Kevin Russel’s Stimme brüllt einen nicht mehr wie in alten Tagen an, was aber auch auf die Gesundheitsgeschichte des Sängers zurückzuführen ist. Dafür ist Gonzo’s Gitarrenspiel, rauher, härter und ausgeprägter geworden und man hat den Eindruck, das alle Bandmitglieder auch einen Teil ihrer Solo Aktivitäten mit haben einfließen lassen, was irgendwo auch nicht verwunderlich ist.
Das Album fungiert als eine Art wilder Trip durch die letzten 40 Jahre Band Geschichte, da hat man einiges zu erzählen und auch zu besingen. Vielleicht ist eben auch genau dieser (nachgeschobener 6ter) Punkt, der Ausschlaggebensde von allen, warum die Onkelz im Jahre 2020 einfach anders, aber erfrischend neu klingen.

Beginnend mit „Kuchen und Bier“ haben wir gleich den noch typischsten sowie gleichzeitig als Jubiläumssong fungierendenden Opener. Hier fühlt man sich noch heimisch, „…also macht Krach Desperados, weckt die Dämonen und zündet die Bangalos….“ Danach wird alles einwenig anders. „Onkelz 2.0“ wenn man so möchte. „Des Brudes Hüter“ überzeugt mit anspruchsvollem Text und klassischem Rock. In „Ein Hoch auf die Toten“ feuern sie einen Abgesang auf gefallene Brüder und Schwestern ab. Gewürzt mit einem sehr markantem Riffing und vorallem totaler Ohrwurm Garantie, gehört der Song zu den besten des Albums. „Prawda“ überzeugt zwar ebenfalls mit einem virtuosen Gitarrenspiel, zündet aber sonst eher wenig. Der Song wird ganz klar von Gonzo getragen. Instrumental hätte die Nummer wahrscheinlich mehr Nutzen gehabt. „Saufen ist wie Weinen“ beleuchtet vermutlich den Vollsuff und Drogenrausch des Sängers in einem musikalischen Klanggerüst das einfach nur fetzt. Es ist erstaunlich was Gonzo sich hier mittlerweile aus der Geige leiert. Die klassischen, schlichten Deutschrock Riffs, hat er alle an den Nagel gehangen und zeigt erstmals, was er noch so alles im Petto hat. Ein Faktor der mir richtig gut gefällt. Schließlich untermauert man hiermit auch gleich, das die „Böhsen Onkelz“ mehr sind, als nur eine Deutschrock Band. Vielmehr bricht man aus seinem eigenen Gehege aus und beweißt eindrucksvoll, wieviel da noch möglich ist. So hat man die Band definitiv noch nie gehört. Die Ballade „Wie aus der Sage“ reißt sogar Kevins Stimme nochmal richtig mit. Natürlich darf auch die obligatorische Hater Kelle nicht fehlen. Diese bekommt man mit „Du hasst mich, ich mag das“ promt serviert. Ein weiteres Highlight des Albums, das sofort ins Ohr geht und vorallem durch groovigen Tempowechsel besticht. Bei dem fetten Groover „Rennt!“ lässt sich schon leichtes „Manowar“ Kaliber ableiten. Ein Midtempo Polterer der die Fäuste in die Höhe fliegen lässt. Leicht ironisch und etwas Reggae-lastig kommt „Wer schön sein will muss lachen“ daher. Heavy Rock mit Spielereien, die durchaus Spaß machen. „Der Hund den keiner will“ besticht durch einen leicht süffigen Sound und „Flügel für Dich“ untermauert wieder einmal das Prädikat „Onkelz 2020“. Irgendwie altbacken und doch komplett neu. Geht ins Ohr, bleibt drin. Den Schluss macht die Halbballade „Die Erinnerung tanzt in meinem Kopf.“ Der Song lässt nochmal Inhaltlich die 40 Jahre Review passieren und könnte als neuer Abschluss auf den Konzerten fungieren. Eine herrliche Nummer.

Nach ca. 55 Minuten kommt eine etwas wehmütige Stimmung auf, das das Album dann doch schon vorbei ist. Was die „Onkelz“ hier geleistet haben ist ganz große Klasse. Musikalisch wurden alle Bausteine irgendwo noch einmal neu sortiert und heraus kommt ein Gesamtwerk, das die Band nochmal auf ein ganz neues Level hebt. Über die Kraft der Texte, die Stephan Weidner immer wieder schreibt, braucht man keine Worte mehr verlieren, aber Matt „Gonzo“ Röhr hat sich an der Gitarre so dermaßen weiter entwickelt und erzeugt an Klangbild, das man bei dieser Band bis dato noch nie gehört hat. Das Album klingt wie eine Wiedergeburt. Die Vier Mannen würden wahrscheinlich heute genauso klingen, wenn sie jetzt gerade erst auf dem Parkett erschienen wären. Die dicke Hose können sie sich also mit Recht weiter anziehen. Das Alleinstellungsmerkmal ist zum zweiten mal deutlich gelungen und wird die Szene ordentlich durchschütteln.

Unterm Strich also frisch, laut, Ohrwurmgerecht und knackig, so klingen „Böhse Onkelz“ 2020!

 
Bob Rock
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Guter Heavy Metal ist so rau und durcheinander, dass er dich geradewegs an den Rand des Wahnsinns bringt.