Interview mit Mirror of Deception

Radio Rock FM: Hallo Leute. Am Anfang beginnen wir immer ganz klassisch. Für alle die euch bisher noch garnicht kennen, stellt Mirror of Deception doch mal kurz unseren Hörern und Lesern vor.

Jochen: Gestatten, Jochen. Gitarrist bei Mirror of Deception. Wir sind eine Doom Metal Band aus dem Südwesten Deutschlands. Da wir schon länger mit dabei sind, haben wir viel zu erzählen und würden gerne fortan Euere Leben bereichern.

Radio Rock FM: In den frühen 90ern, begann für euch die Ära „Mirror of Deception.“ In einer Zeit, als der Metal quasi totgeschrieben war, startet ihr ausgerechnet mit einer Doom Metal Band. Ein Genre, das meiner Meinung nach bis heute nicht aus dem Metal Underground herausgestochen kam. Korrigiert mich ruhig, wenn ich diesbezüglich falsch liege, aber würdet ihr die damalige Genre Entscheidung eher als gewagt, rebellisch oder lediglich als just for fun beschreiben?

Jochen: Es war weder gewagt, noch rebellisch. Es war einfach genau das, was wir machen wollten. Doom Metal hat uns berührt, in uns etwas zum Schwingen gebracht und darin haben wir uns wiedergefunden. Vor allem Candlemass hatten anfangs einen großen Eindruck bei uns hinterlassen. Das war unsere gemeinsame Schnittmenge und Ausgangsbasis. Aber auch andere Genregrößen wie Saint Vitus, Revelation, Count Raven und natürlich Black Sabbath. Und all die ganze andere Musik aller erdenklicher Sparten, die wir ebenfalls immer schon gehört haben.

Radio Rock FM: Euer Debüt Album erschien allerdings erst im Jahre 2001. War es dem Zahn der Zeit, oder anderen, diversen Gründen geschuldet, das seit der Bandgründung, ganze 11 Jahre ins Land gingen? Immerhin hatte sich der Metal zur Jahrtausendwende ja enorm erholt.

Jochen: Unser Debütalbum „Mirrorsoil“ hätte eigentlich bereits 1997 erscheinen sollen. Durch verschiedene innere und äußere Umstände kam es jedoch erst Anfang 2001 zur Veröffentlichung. Es hatte somit keine strategischen Gründe. Wie auch sonst nicht Kalkül, sondern das Gefühl bei uns der Motor ist. Wenn dir im Proberaum ein Riff, eine Gitarrenharmonie oder eine Gesangslinie eine Gänsehaut über den Rücken jagt, ist es völlig egal was da draussen in der Welt aktuell hip und angesagt ist. Wir haben einfach immer unser Ding gemacht.

Radio Rock FM: In all der Zeit hattet ihr auch immer wieder mit Besetzungswechseln am Bass und am Schlagzeug zu kämpfen. Zwar spielt heute kaum noch eine Band in Originalbesetzung, dennoch wäre es interessant zu wissen, warum immer genau die Jungs von der Rhytmus Sektion gewechselt haben?

Jochen: Die Band wurde von 2 Gitarristen gegründet und wir mögen uns immer noch. Skandale, Dramen, Raufereien oder Gerichtsprozesse gibt es keine zu berichten. Es waren die ganz normalen Lebensumstände wie Job, Familie und eben die individuell verfügbare Zeit für Bandaktivitäten, die zu Besetzungswechseln geführt haben. Oder auch mal, dass die gemeinsame kreative Luft raus war. Ich kann aber sagen, dass wir noch mit allen Ex-Mitgliedern befreundet sind und alle paar Jahre, z.B. bei Bandjubiläen stehen wir auch mal wieder gemeinsam auf der Bühne.

Radio Rock FM: In der Zeit von 2001 bis heute, habt ihr genau 5 Alben veröffentlicht. Was hat sich euer Meinung nach, musikalisch seit damals bei euch verändert?

Jochen: Da auf diesen 5 Alben insgesamt 3 verschiedene Besetzungen gewirkt haben und sich mit der Zeit auch die persönlichen Hörgewohnheiten und somit Einflüsse ändern, gibt es natürlich verschiedene Dynamiken beim Entstehen der Songs. Mal kommt jemand mit einem Riff oder fast fertigen Song an, mal entsteht alles spontan zusammen im Proberaum beim Jammen. Es ist uns seit jeher wichtig, dass sich jeder aktiv einbringt. Es sind stets Gemeinschaftsarbeiten, keine Soloprojekte mit Begleitmusikern. Jeder trägt seinen Teil dazu bei und die Summe ist wichtiger als die Einzelteile. Denoch wird uns auch beim neuen Album wieder attestiert, dass wir unseren eigenen, unverkennbaren Sound haben. Einen gewissen roter Faden scheint es also zu geben.

Radio Rock FM: Plaudern wir mal ein wenig über das aktuelle Album „The Estuary.“ Die letzte Platte von euch erschien vor satten 8 Jahren. Da ist viel Zeit vergangen. Was war der Grund für die lange Pause?

Jochen: Wir haben bis Ende 2011 Konzerte gespielt. Dann gab erstmal es eine Pause, die länger andauerte, als gedacht. Anfang 2014 stiegen unser damaliger Bassist und Schlagzeuger aus. Siffi (Gesang/ Gitarre) und ich wollten weitermachen. Wir machten uns dann auf die Suche nach neuen Mitmusikern, die wir in Hans (Bass/ Gesang) und Rainer (Schlagzeug) fanden. Wir haben uns die Zeit genommen, als Band zusammenzuwachsen, an neuen Liedern zu arbeiten und Konzerte zu spielen. 2018 stand weitgehend im Zeichen der Albumaufnahmen und schwupps – hier sind wir!

Radio Rock FM: „The Estuary“ ist in Eigenproduktion entstanden. Aus euer Bio kann man entnehmen, das ihr früher mal bei dem einen oder anderen Label unter Vertrag gewesen seid. Findet sich heute nichts passendes, oder habt ihr einfach – aus Erfahrungen z.B. – keinen Bock mehr auf ein Plattenlabel?

Jochen: Es lagen uns Angebote von Labels vor. Nach einiger Überlegung haben wir uns dann allerdings entschlossen, dieses Mal alles komplett in die eigene Hand zu nehmen und nach unseren eigenen Vorstellungen und unserem Zeitplan zu arbeiten. Wir wollten weder hetzen bei den Aufnahmen, weil man am Tag X abliefern muss, noch wollten wir ein halbes Jahr auf dem fertigen Album sitzen, weil der Veröffentlichungsplan des Labels voll ist. Wie jeder weiss, hat sich die Musiklandschaft in den letzten Jahren ziemlich gewandelt. Es gibt jeden Monat eine wahre Flut an Veröffentlichungen und die allgemeine Aufmerksamkeitsspanne, die man Alben schenkt, bzw. schenken kann wird immer geringer. Gleichzeitig sind traditionelle, gut sortierte Plattenläden mittlerweile Mangelware, das Sortiment von Mediamarkt und Co. ist erbärmlich und generell sind Tonträger nicht mehr so gefragt. Jedes Label hat zu kämpfen, Musik an den Mann und die Frau zu bringen. Dann eben gleich selbst machen. Schon früh haben wir erkannt, dass Eigeninitative sehr wichtig ist, wenn man etwas erreichen möchte. Über die Jahre haben wir uns innerhalb der Szene einen gewissen Namen erarbeitet und daher womöglich eine etwas bessere Ausgangssituation als manch ein kompletter Newcomer. Enorm hilfreich ist da gerade auch Bandcamp.

Radio Rock FM: Die aktuelle Platte habt ihr im November letzten Jahres beim „Doom over Vienna Festival“ Live vorgestellt. Anfang Februar diesen Jahres, kann man euch in Göppingen Live erleben. Nun die Fan Frage: Was kommt danach? Habt ihr eine Tour geplant?

Jochen: Diverse Konzerte sind in Planung. Unter anderem werden wir etwas zusammen mit unseren alten Freunden und Weggefährten Dawn of Winter und Naevus auf die Beine stellen. Dawn of Winter haben sich fast zeitgleich mit uns gegründet. Allerdings haben sie sogar 10 statt 8 Jahre für ihr neues Album gebraucht. Das gilt es gemeinsam zu feiern. Unabhängig davon: ob es eine Tour für uns geben wird, steht noch in den Sternen. Wir werden machen, was uns möglich ist.

Radio Rock FM: Wie ich gelesen habe, seid ihr auf vielen Doom Festivals aufgetreten, die Genrelastig sehr speziell sind. Seid ihr auch mal auf generellen Metal Festivals zu finden um den Doom wieder mehr in die Szene zu spielen? In einer Zeit wo gefühlt Death, Black und Power Metal dominieren, wäre ein guter Schub Doom sicherlich mal erfrischend.

Jochen: Schon etwas her, doch wir sind auch bereits beim Summer Breeze und Headbanger‘s Open Air und diversen anderen bunt gemischten Metal Festivals aufgetreten. War immer klasse. Wir sind offen und freuen uns über jedes Angebot. Abgesehen davon führt Doom in der öffentlichen Wahrnehmung seit jeher eher ein Schattendasein. Von der Kritik (meist) geliebt, von den Bookern weniger. Gerade bei den größeren Festivals schickt man lieber jedes Jahr die gleichen 20-30 Bands auf den Parcours. Daher fingen Doom Metal Fans und Bands irgendwann an, selbst Festivals zu organisieren. Ansonsten gibt es eben nur wenige Möglichkeiten mit Gleichgesinnten zusammenzukommen.

Radio Rock FM: Letzte Frage für heute. Wo seht ihr Mirror of Deception in Zukunft? Gibt es diverse Ziele, die ihr als Band noch unbedingt erreichen wollt?

Jochen: Es gibt noch einige Ecken im Inland und Länder, in denen wir sehr gerne mal oder erneut live spielen würden. 2020 haben wir unser 30-jähriges Bandjubiläum, das wollen wir richtig feiern. Und bis zum nächsten Album wird es hoffentlich keine 8 Jahre dauern.

Radio Rock FM: Dann bedanke ich mich, das ihr euch die Zeit genommen habt und überlasse euch die letzten Worte in Richtung eurer Fans und unseren Lesern.

Jochen: Vielen Dank für das Interesse und die Fragestunde. Besucht uns auf www.facebook.com/mirrorofdeception, hört rein auf www.mirrorofdeception-doom.bandcamp.com und geht mit uns auf Zeitreise auf www.instagram.com/mirrorofdeception. Bleibt langsam, bleibt sauber und ganz wichtig: macht das lauter!

Bandfoto: Conny Coney.

The Count
Über The Count 174 Artikel
Guter Heavy Metal ist so rau und durcheinander, dass er dich geradewegs an den Rand des Wahnsinns bringt.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen