Jo Hartmann – XXL Jahresabschluss – Zeche Bochum 09.12.2018

Jo Hartmann und Band begleiten mich jetzt schon mittlerweile über ein Jahrzehnt. Damals als ich mit Webradio anfing, wurde mir die Kapelle als Geheimtipp, über einen damaligen Moderationskollegen zugespielt und sind seitdem, gefühlt, über diesen Faktor auch bis heute nicht hinaus gekommen. In Bochum und Umgebung kennt sicherlich absolut jeder Jo Hartmann. Die Jungs werden dort als Helden gefeiert. Doch fragen Sie da draußen mal die Leute in den äußeren Bezierken der Bundesrepublik, dann werden Sie wohl mit ziemlicher Sicherheit nur ein Schulterzucken als Antwort bekommen. JH sind und bleiben wohl größtenteils eine reine Lokal Band. Zu unrecht meiner Meinung nach, da jene seit bald 30 Jahren eine Qualität abliefern, die selbst Westernhagen und co. in die Tasche stecken würden. Musikalisch haben Jo Hartmann das gewisse Etwas, nämlich nachhaltige Songs die unvergessen bleiben. Da ist es auch überhaupt nicht weiter schlimm, das der Sound eher weich angelegt ist. Harter und rauer Rock’n’Roll würden mit dem Stil garnicht harmonieren, auch wenn sich die Band ironischerweise selbst als „die wahrscheinlich lauteste Bochumer Deutschrock Band der Welt“ bezeichnet.

Jo Hartmann spielen traditionell jedes Jahr im Dezember ein Abschlusskonzert in der Zeche Bochum und diesem Jahr hatte ich mir vorgenommen, mindestens einmal Live dabei zu sein. Gesagt, getan und der Termin hätte nicht besser gewählt sein können, denn JH überraschten in diesem Jahr mit etwas völlig neuem. Ganze 6 Wochen lang haben sie auf ihrer Facebook Seite abstimmen lassen, welche Songs gespielt werden sollten. So konnten die Fans über die komplette Playlist entscheiden. Respekt und eine nette Geste auf jeden Fall. Somit wurde der diesjährige Jahresabschluss ein XXL Wunschkonzert, mit einer Dauer von satten 3 Stunden! Da geht man zum ersten mal auf ein Jo Hartmann Konzert und bekommt gleich eine XXL Show geboten. Das erlebt man auch nicht alle Tage. Doch JH hätten auch 4 oder 5 Stunden spielen können und es wären dennoch nicht alle Hits unterzubringen gewesen, die die Truppe in ihrer langjährigen Bandhistorie aufzuweisen hat.
Interessant war natürlich auch das anwesende Publikum. Ich muss zugeben, das ich mich zum ersten mal einwenig im falschen Film fühlte. Ihr müsst euch das so vorstellen: Für jemanden wie mich, der schon so oft auf Rock und Metal Konzerten war und stets langhaarige Kuttenträger, Bandshirts, Tattoos und co. umsich hatte, traf nun auf ein völliges normales Klientel, das mal so garnicht auf jene Äußere Erscheinung traf, welche ich sonst gewohnt bin. Das war aber grundsätzlich, eigentliche keine Überraschung, da Jo Hartmann auch garnicht der härteren Szene angehören, dennoch wurde mir das erst vor Ort so richtig bewusst. [Ironie an!] Jedoch hat auch die Tatsache etwas, der einzige harte Motherfucker vor Ort gewesen zu sein. 😉 [Ironie aus!]
Der Einlass vor der Zeche begann schon 10 Minuten früher als geplant und verlief trotz langer Schlange recht zügig. Die Stunde Wartezeit auf Jo Hartmann hingegen eher schleppend. Die Zeche hatte sich in diesem Zeitraum gut gefüllt, war aber längst nicht ausverkauft. (Sieht man immer direkt daran, ob der Balkon geöffnet oder abgesperrt ist.) Glücklicherweise habe ich noch einen der letzten und sogar richtig guten freien Plätze auf der Treppe erwischt, welche sich dieses mal direkt gefüllt hatte. Außerdem war die Bühne (für mich zumindest) zum ersten mal mit einem Vorhang verschlossen. Das hatte ich in der Zeche bisher auch noch nicht erlebt.
Kurz vor 8 war es dann soweit. Mit einem ca. zweiminütigen Intro, fiel der Vorhang und die Band startete a) mit dem lautesten JH Song und b) den ersten JH Song, mit dem ich vor rund 11 Jahren in Verbindung kam, die Show. „Ich bin wieder Da!“ sorgte gleich für großen Applaus und lauten Chören im Refrain. Direkt weiter ging es mit „Ich tanze meinen Weg“ und der Begrüßung durch Sänger und Namensgeber Jo. Jener hatte ohnehin immer viel Bezug zum Publikum und stets zwischen den Songs, etwas zum jeweiligen zu erzählen. Ein Punkt, der heutzutage von den meisten Bands getrost ignoriert wird, um den Gig so schnell wie möglich durchzuziehen. Weiter ging es mit „Vielleicht irgendwann“ vom ersten Hartmann Album „Wilder Westen.“ Im späten Mittelteil stimmte Jo das Publikum an und die ganze Zeche sang gemeinsam akapella den Refrain. Spätestens hier wurde auch klar, das Jo ein begnadeter Sänger – und das daß vorallem auch Live, kein Stück weniger der Fall ist. Klasse!

Nachdem man auch verkündete, das der Abend ein reines Wunschkonzert für die Fans ist und das auch ausschließlich nur Titel gespielt werden, welche die Fans gewählt hatten, stimmte man nach kurzer Anekdote „Helden – Träumer – Idioten“ an, gefolgt von der Bandvorstellung, und einer umfunktionierten Version der alten Schote „Es gibt nur ein Rudi Völler“ in „Wir haben Spaß in den Backen.“ Jenes wurde immer zwischendurch kurzzeitig angestimmt um das Publikum aufzuheizen. Mit „Es werde laut“ kam auch ein aktueller Song der letzten EP „Das Ende des Sommers“ in der Playlist an. Unter den ersten 5 Songs der Fan Abstimmung , wie Jo ankündigte, war der Song „Wenn der Regen fällt“, der 2002 lediglich als Single erschienen war. Hier konnte auch erstmals Background Sängerin Nicola Hausmann ihre Stimme richtig einsetzen. „Heldin“ musste nicht unbedingt sein, dafür ging „Achterbahn“ wieder gut ab. Einer der ersten Songs überhaupt von Hartmann, den sie laut Jo, lange, lange nicht mehr gespielt hatten. Die Zeche erwies sich hierbei als enorm Textsicher. Das Publikum sang den kompletten Song in einem Stück mit. Die Ballade „Der Himmel ist hier“ und „Fast wie Helden“ – letzterer lediglich als Live Version auf dem gleichnahmigen Album erschienen – gaben Jo und Nicola Hausmann im Duett zum Besten. Eine zweifelslos starke Leistung, weil Beide vorallem Gesanglich wunderbar harmonieren. Ja nicht nur Jo, sondern auch Frau Hausmann hat eine wahnsinns Stimme.
2,3,4, Spaß in den Backen! Der nächste Song „Ruth“ war sogar in den Top 3 der Fan Abstimmung. Kein Wunder, bei einem der größten Hartmann Klassiker. „Rock’n’Roll stirbt nie“, „Ganz feine Herren“ und „Geile Zeit“ waren die nächsten Tracks. Vorallem letzterer durfte auf keinen Fall fehlen. Mit „Zurück zu Dir“ folgte das nächste furiose Duett mit Nicola Hausmann. Danach war wieder Zeit für Klassiker. „Wilder Westen“ musste natürlich sein. Der Song über Bochum und das allgemeine Ruhrgebiet. kommt ja für uns aus dem Pott ohnehin einer wahren Hymne gleich. „Suzie“ startete erneut im Akapella Modus mit dem Publikum und wurde durch flottes Riffing von Gitarrist Martin Hausmann (Ist der etwa mit Nicola Hausmann verwandt? Näheres werden wir in nächster Zeit, in Form eines Interviews, versuchen zu klären.) begleitet. In einem ruhigen Moment, sang Jo einen spontan, ironischen Text über sich selbst. Anstelle von „Suzie liebt den Rock’n’Roller“ folgte plötzlich „Suzie liebt den fetten Sänger, der niemals Werbung für Neckermann Bademode machen kann.“ Der Spaß wurde von allen auch promt und amüsant angenommen. „Lass dort immer etwas Liebe sein“ wurde arkustisch begleitet und „Wieder vereint“ war natürlich selbstredend ein Volltreffer. Schließlich wurde das folgende „Für einen Tag und eine Nacht“ zu einem weiteren Publikumsduett.

Jo Hartmann leiteten nun die finale Phase ein. Die letzten 40 Minuten begannen mit der ultimativen Hymne „Straßenjungs“ vom gleichnahmigen 92er Album. Das Publikum sang den Song lauter als alles andere vorherige mit und machten eine riesen Stimmung. Gefolgt von Platz 5 der Fan Abstimmung, spielten sie DIE Ballade 1990 vom Debüt Wilder Westen. „Dreh die Zeit nochmal zurück.“ Der Song wurde fast ausschließlich vom Publikum allein gesungen. Jo musste fast nur noch dirigieren. „Wenn der Wind sich dreht“ von der „Schön scharf machen bitte“ LP zog das Tempo wieder an. Im Takt klatschend und gesanglich begleitet machte die Zeche den Rest.
2,3,4 Spaß in den Backen! Wieder stimmte Jo das Motto der Show an, um dann in „Dafür lebe ich noch immer“ überzugehen. Nochmal laut wurde es mit der Cover Version von Peter Schillings „Major Tom“, welche in der Jo Hartmann Version wesentlich cooler rüber kommt. Und schließlich der letzte Song des Abends „Ein langer harter Weg“ vom Album „Wieder Da.“ Das besondere an der Nummer war, das man ihn zum Schluss in eine Art kurzes instrumentales Medley mit Iron Maiden’s „The Trooper“ einfließen lies. Passte wie Arsch auf Eimer, da ich mit Iron Maiden Pulli Anwesend war. Haben sie übrigends auch für mich gespielt. War alles vorab so abgesprochen. 😉

Spaß beiseite. Der Abend war lang, aber Wirkungsvoll. Jo Hartmann sollte man unbedingt einmal Live besuchen. Die Songs waren genauso stimmig und ergreifend wie auf den Studio Alben. Gesanglich muss man Jo auch nach 30 Jahren den Tribut zollen. Da hat sich nichts verändert. Und natürlich gebührt auch Nicola Hausmann Respekt, die mit ihrer Stimme, den einen oder anderen Song mächtig aufwertet. Es muss also nicht immer (nur zu 99%) Laut, Donner, Peng sein. 😉
Dennoch hätte ich mir mehr der alten Songs gewünscht. Wo war z.B. „Kinder des Zorns“ vom Debüt „Wilder Westen?“ Nahezu alle Hits des Albums wurden gespielt, bis auf eben jenen, den ich als persönlichen Favorit erachte. Shit Happens. Oder wo waren „Goldene Tage“, „Wölfe“ und „Was du willst“ vom Nachfolger „Straßenjungs“, dessen Titeltrack lediglich berücksichtigt wurde? Und dessen Nachfolger „Schön scharf machen, bitte!“ hat „Einer für Alle“ und „Sieben Meere“ auch in der Setlist vermissen lassen. Für jene genannten Tracks, hätte man so einige andere weglassen können, aber diese sind nun mal auch der Fan Abstimmung geschuldet und einzig die wurde für den Abend auch berücksichtigt. [Ironie an!] Das nächste mal also bitte wieder ohne Alkohol Einfluss und weniger die Frauen abstimmen lassen, dann klappt es auch mit den Songs, die auf keinen Fall fehlen dürfen. 😉 [Ironie aus!] Davon ab war die XXL Show ein beeindruckender Abend und Jo Hartmann Live kann man uneingeschränkt jedem empfehlen.

Bob Rock
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Guter Heavy Metal ist so rau und durcheinander, dass er dich geradewegs an den Rand des Wahnsinns bringt.

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